Radfahren an der Südküste von Lolland direkt an der Ostsee, über die wunderschöne Insel Møn, über Langeland und Fünen, zwischendurch immer wieder Fährfahrten, unter anderem mit einer hoffnungslos überladenen Fahrradfähre, aber auch 12 Minuten im Zug von Korsør nach Nyborg, weil es anders nicht möglich ist, herzliche, hilfsbereite Menschen – das alles hat der dänische Radweg 8, beginnend am Bahnhof Padborg, zu bieten.
Schon auf der Anfahrt nach Flensburg lernte ich im Zug Johanna kennen, „natürlich“ Lehrerin. Ich schreibe so ausdrücklich „natürlich“, weil das meine hauptberufliche Klientel ist. Ich stelle Lehrer ein oder versetze sie. Johanna war jedenfalls gerade auf der Rückreise nach Hamburg von einer Radtour durch die Niederlande. Wir sind dann noch kurz durch Hamburg geradelt, haben einen Kaffee getrunken und unsere Nummern ausgetauscht. Die zwei Stunden Zugfahrt bis Flensburg verliefen ereignis- aber auch störungsfrei. Da ist man als Bahnreisender ja dankbar. Bis zum dänischen Bahnhof Padborg hätte ich gar nicht radeln müssen, schon vorher, kurz nach Grenzübergang, ging es rechts ab in den im Prinzip gut ausgeschilderten Radweg. Ich hatte mein Zelt dabei, aber das sollte nur für den Notfall sein, eigentlich wollte ich in Hotels übernachten, nicht ganz leicht zur Hauptreisezeit, wenn man nichts vorgebucht hat. Aber immerhin hält es einige Überraschungen bereit, so habe ich einmal in einem Appartement übernachtet, bestimmt 150 Quadratmeter mit zwei Schlafzimmern und Blick auf den Hafen in Nakskov, natürlich überteuert und der Vermieter wollte den Miet-Obolus unbedingt in bar – trotzdem mal eine Erfahrung wert. Ich würde noch zelten – das war mir klar – fühlen wie Prinz und Bettler ist auch faszinierend. Hauptsächlich ging es ums radeln. Geregnet hat es übrigens nur am ersten Tag – dafür auch durchgehend. Fortan 9 Tage Sonne – wenn Engelchen reisen. Die Ostsee als ständige Begleiterin, die typisch dänischen Häuser in rostrot oder senfgelb, meistens jedoch Landschaft, wellig, viel Korn und Bauern bei der Arbeit, Ballenpresse oder Mähdrescher vor Ostsee – so könnte man es wohl in eine kurze Form pressen. Manchmal begegnete ich auch stundenlang niemanden. Dabei war ich in Dänemark und nicht in Alaska. In Fynshav nahm ich die einzig an diesem Tag noch abgehende Fähre nach Fünen, statt – wie geplant – nach Aerø. Schade, die kleine Insel hätte ich gerne erlebt. Dann kam meine große Zeltzeit, die problemlos verlief, sieht man von dem Umstand ab, dass ich den porösen Gummizug im Zeltinnengestänge mit einem Messer mutig kürzte und neu verknote. Die Operation erwies sich als hartnäckiger als erwartet, doch irgendwann stand das Zelt. „Die Insel Fünen ist der Garten Dänemarks“ hat der Märchenschreiber Hans-Christian Andersen über seine Heimat gesagt. Tatsächlich wuchsen mir Mirabellen, Pflaumen, Äpfel, Beeren quasi in den Mund – da musste ich nicht mal absteigen. Die Insel Langeland erreicht man über eine Brücke. In Rudkøbing wollte ich mich kurz orientieren, kam aber gerade dazu, die Karte aufzuschlagen, schon bremste ein Rennradfahrer sein Gefährt neben mir ab. Er sprach nur dänisch und das unglaublich schnell, aber ich verstand, dass ich ihm folgen solle. Mit allem meinem Gepäck gelang es mir nur mühsam. Nach etwa 2 Kilometern deutete der Däne in östliche Richtung und verschwand. Mit der Fähre ging es zur Insel Lolland, an deren Südküste man kilometerlang direkt an der Ostsee radeln kann. Ich war inmitten einer einzigartigen Vogelwelt, Silbermöwen, Küstenseeschwalben, Watvögel und viele weitere Arten – aber ich kennen mich zu wenig aus. Von Stubbekøbing aus führte stündlich eine Radfähre für maximal 12 Radler samt Gefährt nach Møn. Überall lugten Drähte aus der Deckenverkleidung, es waren auch bestimmt 20 Räder mit an Bord, als ich fuhr, und der Hund des Kapitäns litt an Seekrankheit und Flatulenzen. Doch die Insel ist schön, wenig befahren vom motorisierten Individualverkehr, und bekannt für den 70 Millionen Jahre alten Kreidefelsen Møns Klint sowie ausgeprägte Sandstrände. Zur Insel Seeland führt eine Bücke, nur von Seeland selbst kommt man als Radler nur mit dem Zug weiter nach Nyborg auf Fünen. Für die Rückreise traf ich mich mit Johanna an der Kirche Nørre Vilstrup in Haderslev. Johanna war gerade in Dänemark auf einem Familientreffen. Es gibt an der Kirche einen liebevoll gepflegten Friedhof, der mich beeindruckt hat. Ich suchte das Gespräch mit zwei Gärtnern, die sich aber eher genervt fühlten. Johanna und ich radelten dann noch 15 Kilometer gemeinsam, bevor sie umdrehte. Einen gemeinsamen magische Moment erlebten wir auf einem Steg, beide schweigend aufs Meer blickend, in der Nähe schaukelte ein Fischerboot. Ich habe solche Momente häufiger erlebt und glaube, dass es viele davon gibt. Man muss sie einfach nur annehmen. Im nächsten Jahr radle ich durch Polen oder Italien oder auch ganz woanders.