Wenn der junge Österreicher Lukas Sternath mit dem Gesicht fast auf der Tastatur des Flügels liegt und seine filigranen Finger dem Instrument eine romantische Melodie entlocken, sind wir beim 8. Sinfoniekonzert in Münsters Großem Haus. Die musikalische Leitung obliegt dem Italiener Mino Marani, der seit 2024 Generalmusikdirektor in Heidelberg ist und seine Sache ausgesprochen gut macht, mal etwas gekrümmt und in sich versunken, mal explosiv, mal forsch, mal zurückhaltend. „Vita nostra brevis est“ – das Leben ist kurz – genießt die Jugend – das ist die Klammer des Abends.
Mit Brahms „akademischer Festouvertüre“ beginnt es – noch ganz ohne Klavier, nur 10 Minuten, die es aber in sich haben. Komponiert als Dank für eine Ehrendoktorwürde, die ihm Universität Breslau verlieh, ist das Stück reich orchestriert, Aber anders als es vermuten lässt, gibt es nicht den „Wumms“, die Hymne, das Ausschütten von Instrumenten, sondern Brahms hat das behutsam angelegt, steigert das, fügt zusammen, lässt wachsen und hat dazu noch einen besonderen Witz eingebaut. Er hat nämlich Studentenlieder eingeflochten, also Stücke aus dem Raum studentischer Geselligkeit, und huldigt damit eben nicht der Universität als steife Instanz. Mino Marani und das Sinfonieorchester machen die beinahe 150 Jahre, die zwischen Erstaufführung und 8.Sinfoniekonzert in Münster liegen, vergessen. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Dann taucht der Flügel aus den Untiefen des Orchestergrabens auf, und das Orchester wird etwas ausgedünnt. Auf dem Zettel steht Ludwig van Beethovens Konzert für Klavier und Orchester. Lukas Sternrath nimmt Platz und hat kaum Zeit, sich zu sammeln. Denn anders als bei anderen Klavierkonzerten gibt es nur ein kurzes Lebenszeichen des Orchesters, schon ist Sternrath gefordert, intensiv, dominant, raumgreifend. Die 40 Minuten haben alles: langsame Passagen, in denen der Österreicher fast entrückt wirkt, schnelle, in denen er die ganze Klaviatur zeigt. Da hat van Beethoven sich mächtig ins Zeug gelegt, was aber auch erklärbar ist. Denn gewidmet war die Komposition seinem Schüler Erzherzog Rudolph von Österreich, der gleichzeitig sein Sponsor war. Natürlich hat auch das Orchester seinen Raum und verschmilzt im Laufe der Spielzeit zu einer Einheit mit dem Solisten.
Mit Brahms endet auch das Konzert, allerdings mit einer Fassung von Arnold Schönberg. Das Klavierkonzert op. 25 ist ein Kammerkonzert. Schönberg hat das frisiert, aufgepumpt auf eine sinfonische Größe und zwar so gut, dass es nicht wenige Menschen gibt, die lieber diese Fassung hören. Sie ist aber auch nicht so verändert, dass man Brahms gar nicht mehr erkennen würde, Brahms und Schönberg sind vielleicht in diesem Fall Brahmberg oder Schönbrahm. Intensive, schnelle, energische Musik, die einen einfach mitnimmt, und doch hat mich das Sinfoniekonzert insgesamt diesmal emotional nicht mitgenommen.