Klaviermusik. Mit Wodka-Flasche in der Hand und Pelz um die Schultern säuselt Alexandra del Lago von besseren Zeiten ins Mikro, nämlich ihrer Jugend. Ausgerechnet mit Chance Wayne ist sie im Hotelzimmer gelandet, jünger als sie, doch erste Anzeichen einer verwelkenden Jugend stellt auch er fest. Beide sind verlorene Seelen und klammern sich aneinander. „Süßer Vogel Jugend“ hieß es gestern im kleinen Haus, Premiere des Dramas vom US-Amerikaner Tennessee Williams unter der Regie von Remsi Al Khalisi. Ich kann vorausschicken, dass ich von der Inszenierung und insbesondere der schauspielerischen Leistung ganz angetan war.
Großartig spielt Katharina Brenner die alternde Diva Alexandra del Lago, immer auf der Suche, sich selbst zu spüren. Das geht nur noch mit Sex. Der Rest wird zugeschüttet mit Alkohol oder „Gras aus Marokko“. Sie hat immerhin schon eine Karriere hinter sich, auch wenn das Comeback mächtig in die Hose ging und sie auf der Showtreppe stürzte. Anders sieht die Sache bei Chance Wayne aus, der sich von der Diva verspricht, in deren Glanz zu sonnen. Zumindest Kontakte wären schön. Bislang hat in seinem Leben nichts geklappt. Auch Ansgar Sauren macht seine Sache als Chance Wayne klasse, ein Gigolo, dem ganz langsam die Haare ausfallen, Schweiß auf der Stirn, auf der Suche nach Ernsthaftigkeit spürt er die Zeit verrinnen. Man ist halt nicht ewig jung.
Das Hotel, in dem beide gelandet sind, liegt in St. Cloud, nicht zufällig die Stadt in der Waynes Jugendfreundin Heavently Finley lebt. Mit ihr hofft Wayne anknüpfen und durchstarten zu können. Immerhin haben beide mal einen Preis gewonnen, na ja, eher einen zweiten oder vierten, aber immerhin eine namentliche Erwähnung. Wenn da nur Boss Tom Finley nicht wäre, der Vater von Heavently. Wie eindrucksvoll Raphael Rubino im weißen Anzug den Boss verkörpert, keinen Widerspruch duldend, dominant, herrisch. In der Vergangenheit hat Wayne Heavently offenbar eine Geschlechtskrankheit beschert. Boss Finley beauftragte einen befreundeten Arzt, Heavently die Gebärmutter zu entfernen. Auch der erwachsene Sohn von Boss Finley turnt da rum, ebenfalls im weißen Anzug, also alle unschuldig. Die männlichen Finleys sind sich einig, dass Wayne nur kastriert werden kann, wenn er die Stadt nicht verlässt – und der sieht wenig Anlass dazu. Denn es tut sich die Chance auf, ganz groß rauszukommen. del Lago soll einen Wettbewerb ausloben, mit ihrem Namen, ihrem Geld und ihren Verbindungen doch kein Problem. Den Wettbewerb würden Heavently und er gewinnen. Doch del Lago sieht für sich einen anderen Weg. Egozentriker unter sich.
Klasse auch Bettina Ostermeyer als Stuff am Flügel, die mal das Klingeln eines Telefons imitiert, mal die Filmmusik von Cassablanca spielt, mal Alexandra del Lago begleitet, mal Chance Wayne. Es war ein langer Abend, der mir aber nicht so lang vorkam. Allenfalls nach der Pause hätte man hier und da etwas straffen können. Insgesamt war es ein schöner Theaterabend.