plötzlich herrscht Eintracht

Dann steht er auf der Bühne, klein, ein bisschen schmächtig, mit einem – so scheint es – viel zu großen Instrument. Mit kleinen Trippelschritten geht Shengzhi Guo zum Podest und hievt sein Violoncello hoch. In „Schelomo“ ist er die Stimme Salomons und setzt sich mit seinem Volk auseinander, das kraftvoll, energisch und opulent aufbegehrt. Doch es gelingt dem Meister ein Gespräch auf Augenhöhe, ja mehr als das – er schafft es, ein ganzes Orchester samt Kontrafagott, Pauke, Bässen und Harfen zu domestizieren. Die musikalische Leitung beim vierten Sinfoniekonzert gestern im Großen Haus obliegt dem Luxemburger Carlo Jans. Der macht seine Sache gut, unaufgeregt, als ob er schon Jahre mit dem Orchester arbeitet. Passend zum gestrigen 27.Januar – dem Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus – stehen verschiedene Facetten jüdischer Musiktradition im Zentrum des Programms. „Schön und fromm stehen selten in einem Stall“ besagt ein altes hebräisches Sprichwort, und so lautet auch der programmatische Titel.

Das Konzert beginnt mit 10 Minuten Sergej Prokofjew, der selbst weder religiös noch jüdischer Herkunft war, die Musik aber bei geflohenen russischen Juden lieben gelernt hat. Mit der Ouvertüre über hebräische Themen, die mich direkt mitgenommen hat. Klezmer, jene Klänge osteuropäischer Juden, ursprünglich von Geige, Hackbrett und später Klarinette, eine Mischung aus wehmütigen Melodien und virtuosem Spiel, aber frisch poliert in die Gegenwart geholt von Prokofjew, verändert, erweitert, verwickelt. Darin bin ich glatt versunken. Das Orchester macht das aber auch grandios. Dieser Wechsel zwischen ruhigen und lebhaften Passagen, klare, eingängige Themen – das gelingt den Musikern einfach überzeugend und harmonisch.

Und dann ist da eben Ernest Blochs Schelomo. Der jüdische Schweizer Bloch hat sich bei seinen Kompositionen an jüdischer liturgischer und Volksmusik orientiert. Shengzhi Guo, der als Solist begeistert mit seinem Cello, spielt einfach immer tiefer, brummt, als sich das Orchester (Volk) sich erhebt, das aufgeregt und verunsichert immer nervöser spielt. Ruhig und besonnen agiert und reagiert Schelomo, bringt das Orchester zur Ruhe, auf das man sich einigt, gemeinsam spielt. Das Volk hat es am Ende vielleicht gar nicht gemerkt, plötzlich herrscht Eintracht.

Felix Mendelssohn Bartholdy steht für die Zweite Konzerthälfte auf dem Zettel, und zwar seine Sinfonie Nr. 1, die er im Alter von gerade 15 Jahren geschrieben hat. Auch wenn er 10 Jahre später an eine bekannte Konzertveranstalterin geschrieben hat, sie möge das Konzert doch bitte nicht spielen lassen oder zumindest darauf hinweisen, dass es bereits 10 Jahre alt sei, so kann man – nicht nur wegen des Alters des Komponisten – froh sein, dass es überliefert ist. Natürlich passt diese erste Komposition nicht in die Reihe späterer Werke, die vor einem ganz anderen Horizont und Erfahrungsschatz geschaffen wurden. Da hat ein junger Mann alles reingeworfen, Kraft und Farbe, Energie und Melodien, ohne sich irgendwo und irgendwie zu bremsen. Aber es zeigt doch auch die unbändige Kraft der Jugend, die alles will und alles beweisen will. Mendelssohn Bartholdy hat sich christlich taufen lassen, aber seine jüdische Herkunft dennoch nicht verleugnet. Die Musik wirft einen Blick aus nicht so ganz jüdischer Sicht auf das Leben.

Ein schönes Konzert.

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