Enterhaken hin, Raubein her

Der Mond, riesengroß und hell, taucht hinter Schilf ins Meer, vorne laufen die Wellen aus. eine lange Höhle im Gestein, feucht und kalt, dahinter ein Strömungsfilm, ein Segelschiff mit Takelage und Seegang, davor tanzt die Mannschaft, lauter verwegene Raubeine. Das Bühnenbild beim Graf von Monte Christo ist durchgehend klasse, kreativ, schnell umgebaut. Gestern war Premiere des Musicals von Frank Wildhorn im ausverkauften Großen Haus. Die Regie führte Michael Wallner, die musikalische Leitung oblag dem 2. Kapellmeister Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Der Roman von Alexandre Dumas ist Weltliteratur. Ungerechtigkeit, Kerker, Flucht, Reichtum, Rache, Liebe. Edmond Dantès, ein Seemann und Kapitän des Schiffes Pharao, wird Opfer einer Intrige seines besten Freundes Fernand Mondego, der ihm seine Verlobte Mercédès neidet. Düster mit Backenbart, satanisch findet sich Ramon Karolan gut in die Rolle des Antagonisten. Baron Danglars wiederum missgönnt Dantès sein Kapitänsamt. Die restliche Stadtgesellschaft von Marseille freut sich zwar über die Rückkehr der Pharao, die gerade von Elba zurückkehrt, aber natürlich ist klar: das birgt Konfliktpotential und – wir machen einen Sprung – führt Dantès geradewegs in den Kerker.

Während David Arnsperger als Edmond Dantès nun auf der linken Bühnenseite seine Schicksal beweint, ist es Vera Lorenz in der Rolle von Mercédes, die rechts betet für ihren Geliebten. Ein berührendes Duett, insbesondere der Gesang von Lorenz nimmt die Zuschauer gefangen, auch später in den Arien trifft sie alle Töne und nimmt das Auditorium mit auf eine Reise nach innen. Im Kerker bei Dantès taucht inzwischen ein anderer auf, Gérald de Villefort, der bei seinem Fluchtversuch 8 Jahre in die falsche Richtung gegraben hat. Nun, es hat sein Gutes, bekämpft die Einsamkeit und beschert Dantès einen sagenhaften Schatz, der östlich der Insel Monte Christo in einer Höhle auf seine Bergung wartet. Noch ein Wort zu de Villefort: Es ist nur eine kleine Rolle, schmutzig und abgerissen, die der Bariton Gregor Dalal aber mit so viel Leben füllt, dass er sich seinen Bühnentod redlich verdient.

Nun kann man bei diesem Romanstoff davon ausgehen, dass er bekannt ist. Das ist aber auch nötig, weil es inhaltliche Sprünge gibt. Da kann man schon mal den Faden verlieren. Zudem war die Akustik nicht gerade berauschend, ein altes Problem des Theaters Münster. Gesungen wurde ja in Deutsch, insofern gab es keine Übertitel. Die Kostüme waren toll, doch die Tanzeinlagen, etwa von der Crew auf dem Segelschiff, haben mich so gar nicht angesprochen, das wirkte auf mich unkoordiniert und planlos – Enterhaken hin, Raubein her. Das tat mir leid für das Sinfonieorchester, das im Orchestergraben wirklich alles gab. Aber ich muss unbedingt Stefan Rieckhoff erwähnen, dem die Bühne zu verdanken ist. Das fiel sicher nicht nur mir auf, wie bunt, wie schillernd, wie wirkungsvoll das Bühnenbild war, wie erfinderisch und schnell der Umbau, mit welchen vergleichsweise einfachen Mitteln Tiefe im Raum erzeugt worden ist. Leider ist das Bühnenbild auch nur ein Teil der Inszenierung, die mich insgesamt nicht überzeugt hat. Edmond Dantès, dem späteren Grafen von Monte Christo, sei der Schatz und Mercédes jedoch gegönnt.

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