Das muss wohl Liebe sein, wenn man all seinen Reichtum eintauscht in ein karges Leben auf dem Lande – Hauptsache man lebt zusammen mit dem Menschen, den man liebt. Wenn aber eine Friedhofsgärtnerin schon die Lücken zwischen Arien und Duetten füllt, ahnt man – das währt nicht lange. Gestern war Premiere der Verdi-Oper „La Traviata“ in Münsters großem Haus unter Regie von Georg Schütky und musikalischer Leitung von Henning Ehlert.
Eine überstrahlt alles – das ist Robyn Allegra Parton in der Rolle von Violetta Valéry. Zwei große Lungenflügel über der Bühne, die zwischendurch mal faserig rot aufleuchten, signalisieren fortgeschrittene Tuberkulose. Das hindert die Kurtisane nicht daran, sich von Alfredo Germont (Garrie Davislim) den Hof machen zu lassen. Liebe und Leid vermag Parton so emotional und vereinnahmend in Koloraturen zu verpacken, dass das Publikum hin und weg ist. Da braucht es schon zwei, neben Alfredo auch Giorgio Germont, Alfredos Vater (Johan Hyunbong Choi), die es gesanglich mit ihr aufnehmen. Er, der Vater, sucht Violetta auf, um die Beziehung seines Sohnes mit der „vom Weg abgekommenen Kurtisane“ zu beenden. Er singt ihr quasi ins Gewissen. Hinzu kommt die Eifersucht von Baron Douphal, dem Gregor Dalal mit seiner donnernden Stimme Ausdruck verleiht. Die Erkrankung von Violetta ist also noch nicht alles, was sie aushalten muss. Diese unglaubliche Energie von Robyn Allegra Parton, die Situation zu beherrschen, ist die Klammer des Abends, eine Energie, die im Todeskamp endet. Da mögen Vater und Sohn nachher noch so viel weinen. Grablichter säumen das Geschehen auf der Bühne, Blumen und Urnen. Dazu spielt das großartige Orchester Verdis wunderschöne Musik und erzeugt mit dem vielstimmigen Opernchor einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Zwischendurch wird die Bühne gedreht, sinniger Weise von einem großen Eichhörnchen, und verwandelt die Pariser Partyszene zu Beginn in ein Häuschen am Waldrand. Schön ist auch der mobile Baum, immer zur Stelle, wenn es gilt, Natur zu symbolisieren. Eine tolle Inszenierung mit Arien und Duetten, die unter die Haut gehen. Ich finde, dass Münsters Publikum ein bisschen zu inflationär mit standing ovations umgeht – hier waren sie angebracht.