Natur pur

Lange musste das münsteraner Publikum warten bis zum 1.Sinfoniekonzert der Spielzeit, aber dann begrüßt launig und entspannt mit der Erholung der Sommerpause Golo Berg in der vorherigen Einführung ins Werk das Publikum. „Die Natur betrügt uns nie“ ist die Klammer des Abends nach Jean-Jacques Roussseau. Solist an der Violine ist Frank Peter Zimmermann, ein Virtuose von Weltrang, der immer wieder mal mit dem Orchester in Münster zusammenspielt.

Damit das Auditorium die Überschrift des Abends auch nicht vergisst, beginnt es fulminant mit der Ouvertüre zum Freischütz von Carl Maria von Weber – passend zum 200. Todestag von Weber. Tiefe, unheilvolle Akkorde sorgen für eine düstere Grundstimmung, doch unvermittelt bläst das Hornquartett zur Jagd. Es symbolisiert die unberührte Natur. Wer die Augen schließt, mag sich im Wald voller Magie fühlen, denn Webers Freischütz ist inspiriert von einem Buch mit Gruselgeschichten und den Formen der französischen Oper. Die Ouvertüre dauert nur 10 Minuten, doch nimmt sie die Menschen mit nach draußen.

Schon betritt Frank Peter Zimmermann die Bühne, unaufgeregt und mit einem Kopfnicken und seiner Geige. Ganz ohne Instrument kann man sich Zimmermann gar nicht vorstellen. Fast wirkt es so, also ob die Violine ihm Halt gibt. William Waltons Konzert für Violine und Orchester steht auf dem Zettel, eine Hommage an das mediterrane Leben, wie Golo Berg erklärte, der übrigens jetzt schon sein zehntes Jahr am Theater Münster das Orchester leitet. Das macht er wie immer mit fließenden Bewegungen, geschmeidig, großartig. Auf seine Musiker kann er sich verlassen. Es braucht schon einen Solisten wie Zimmermann für eines der bedeutendsten britischen Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts, das virtuose Leidenschaft mit italienisch-geprägten Flair verbindet. Es ist eine Freude, Zimmermann zuzusehen und zuzuhören, wie er da steht mit uneitler Bühnenpräsenz, so unglaublich zart und grazil spielt, dann wieder kraftvoll und schnell in Harmonie und im Austausch mit dem Orchester. Am Ende spielt er noch eine Zugabe, den Erlkönig von Franz Schubert, Meilenstein der Romantik. Das Publikum hat er jedenfalls gefangen, das würde auch mit ihm in den Wald gehen.

Nach der Pause wartet das Orchester mit Beethovens 6. Sinfonie auf, besser bekannt als Pastorale. Als einige der wenigen Beethovens mit einem expliziten Programm beschreibt sie das harmonische Zusammenleben von Mensch und Natur. Ganz hübsch mit Donner. Beethoven selbst wollte eher seiner Empfindung Ausdruck verleihen als ein komplexes Naturbild zeichnen. Ein schönes Konzert, das ich aber am Ende ein bisschen lang fand – natürlich subjektiv.

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