Welch ein Beginn, die Mischung aus Glockenspiel und Vibraphon, ganz leise und andächtig wie ein sich sammelnder Bienenschwarm. Der geht in die Kurve, Bienen, die marschieren und stolpern – einer tritt ja immer aus der Reihe. Dabei ist das Stück „Roots“ des estnischen Gegenwartskomponisten Erkki-Sven Tüür ja nur eine Hommage an den großen Sibelius in diesem 5. Sinfoniekonzert gestern Abend. Es sind die Klangfarben, die an den Meister erinnern. Generalmusikdirektor Golo Berg obliegt dabei nicht nur die musikalische Leitung, sondern auch die Einführung ins Werk, zumindest solange es keinen Musikdramaturgen gibt. „Ich bin zuversichtlich, dass wir die Stelle noch in der laufenden Spielzeit nachbesetzen können“, sagt Berg, der die halbe Stunde vor Konzertbeginn aber kenntnisreich und unterhaltsam gestaltet, auch wenn er von sich selbst behauptet, kein „Sibelius-Fachmann“ zu sein. Es dürfte sich um klassisches Understatement handeln. Einen Moment lang habe ich erwogen, ihm zur Hand zu gehen – freilich nur ein Scherz.
Nach Tüür, der ja nur 8 Minuten in Anspruch nimmt, ist Zeit für die Solistin Tianwa Yang. Konzert für Violine und Orchester d-Moll heißt es, als die Musikprofessorin der Musikhochschule Würzburg im langen roten Kleid auf die Bühne kommt, ein schöner Kontrast zum Orchester ganz in schwarz. Sie beherrscht die ganze Klaviatur der Geige, ob es emotional oder schnell, zackig, energisch oder leidenschaftlich ist. Mal hüpft der Geigenbogen, mal hat man den Eindruck, sie wollte ihr Instrument zersägen, behändes, filigranes, temperamentvolles Spiel. Nie hat man den Eindruck, als ob nur ein Hauch von Unsicherheit dabei ist. Das ist aber auch nötig. Schließlich sei der Finne Sibelius einer der Komponisten, den Berg vorspielen lässt, wenn eine Vakanz im Orchester zu besetzen ist. So anspruchsvoll ist die Musik, dass sie eben nicht jeder spielen kann. Selbst die ursprüngliche Uraufführung 1904 musste deshalb verschoben werden. Klasse auch, wie harmonisch das münsteraner Orchester einsetzt in diesem Stück, das Spätromantik mit skandinavischer Klarheit verbindet. Das Auditorium ist schließlich so begeistert, dass es die chinesische Geigerin gar nicht von der Bühne lassen will. Tatsächlich ist Tianwa Yang zu zahlreichen Zugaben bereit.
Nach der Pause spielt das Orchester Jean Sibelius` Sinfonie Nr. 5 Es-Dur. Was mir besonders auffällt sind die raumgreifenden Bewegungen von Golo Berg in der Schwanenhymne, so als ob der musikalischem Leiter sein Gefieder spreizt und Eleganz und Anmut auf seine Musiker übertragen will. Ich bin auch von der Musik sehr angetan, dieser Wechsel von Streichern und fünf Bässen und zwei Fagotten – das ist einfach großes Kino. Die fünfte Sinfonie entstand mitten in den auch in Finnland spürbaren Bedrückungen des Ersten Weltkrieges. Nun ist ja alles immer eine Sache der Interpretation. Die einen sehen Kriegseinflüsse, wo die anderen Naturphänomene erkennen. Ich fand die Musik einfach schön.