Das 6.Sinfoniekonzert gestern Abend stand im Zeichen der Orgel. Heute und Sonntag wird es wiederholt. Francis Poulenc` Konzert für Orgel, Streicher und Pauken sowie Camille Saint-Saens „Orgelsinfonie“. Einzig Olivier Messiaens „Les Offrandes oubliées“ scheint auf den ersten, flüchtigen Blick nicht ins Konzert zu passen. Aber das täuscht, denn schließlich war Messiaen selbst Organist. Die Musik hat Messiaen komponiert, kurz bevor er sein lebenslanges Amt als Pariser Organist antrat – sie passt einfach. Solist ist Christian Schmitt, der nicht nur grandios spielt sondern vor Konzertbeginn Humor beweist, als er mit Frederik Wittenberg die Einführung ins Werk gestaltet. „Das gibt auch 10 Mark“, dieser Hinweis vom seinerzeitigen hauptamtlichen Organisten in Schmitts saarländischer Heimat habe ihn veranlasst, den Organisten zu vertreten und sich musikalisch zu verorten. Wer Schmitt heute hört, mag das nicht so recht glauben, aber die Geschichte ist gut. Die musikalische Leitung gestern Abend hatte die französische Dirigentin Lucie Leguay.
Wie ein Albatross leitet Leguay das Orchester an, große, raumgreifende Bewegungen – es handelt sich ja schließlich um eine „sinfonische Meditation“. Der ein oder andere scheint tatsächlich wegzubrezeln und in andre Sphären zu gleiten. Messiaen hat ein Triptychon geschrieben aus Klage, scharfem Aufruhr und Aufhellung. Und gerade dann, wenn man sich der Sogwirkung der Musik hingibt, reißen einen die kraftvollen, lauten und energischen Klänge von Pauken und Trompeten aus der Komfortzone, wie ein Schaf auf Ecstasy. Gut, dass die Zuhörer danach wieder etwas zur Ruhe kommen. Der Puls braucht ein bisschen.
Francis Poulencs Konzert kommt ganz ohne Blech- und Holzbläser aus. Das verlieht Christian Schmitt eine eigene Stimme im Raum, als er schließlich musikalisch ins Geschehen eingreift. Die eingesetzte transportable, digitale Orchesterorgel ist eine gemeinsame Produktion von Schmitt und einem niederländischen Hersteller. Hauptziel war dabei, einen Klang zu erreichen, der sich gut mit dem Orchester in weichen, individuellen und kraftvollen Farben mischt. Das ist gut gelungen und sorgt für eine Harmonie, die ich persönlich kaum erwartet hatte. Mit dem Konzert für Orgel, Streicher und Pauken spielt Christian Schmitt eine Komposition, die er selbst sehr schätzt, wie er zuvor erklärt. Vor allem, der passende Einsatz sei eine Herausforderung. „Zur richtigen Zeit Pedale und Tasten bedienen“, fasst er das Geheimnis des Orgelspiels kurz und prägnant zusammen. Nach Poulenc spielt Christian Schmitt, der auch als Musikprofessor tätig ist, eine Zugabe – freilich ohne Orchester – Souvenir, ganz ruhig und emotional.
Nach der Pause wird dann die als Orgelsinfonie bezeichnete 3. Sinfonie von Camille Saint-Saens gespielt. Ein wieder volles Orchester mit starken Bläsern spielt weite Teile ohne Orgelbegleitung. Schmitts Hände liegen auf dem Instrument, zum Einsatz bereit. Insofern ist die Bezeichnung „Orgelsinfonie“ etwas irreführend. Die Orgel tritt gezielt als Fundament, Farbvertiefung und als klangliche Krönung hinzu. Einzigartig der Einsatz der Orgel – Maestoso, so voll, energisch wie die Schaffung einer neuen Welt. Beseelt verlassen die Menschen Münsters Großes Haus.