Da ist Musik drin: Prokofjew hätte sich verneigt vor Anna Vinnitskaya

Zweifellos: sie ist ein Star. Wer so schön und flink die Tastatur des Klavieres bedient, so emotional und fordernd mit dem Orchester spielt und dabei noch die Zeit findet, die Haare links und rechts über die Schultern zu werfen, auf dass die Ohrringe im Bühnenlicht glitzern, kann nur ein Star sein. Dabei geht fast unter, dass  der Dirigent Golo Berg seine Premiere hatte, der ab dieser Spielzeit in die Fußstapfen von Fabrizio Ventura steigt. In Japan hat Golo Berg die Pianistin Anna Vinnitskaya kennengelernt. Da war schon klar, dass er in Münster anfangen würde und er wollte unbedingt, dass sie spielt, wenn er zum ersten mal das Orchester dirigiert. Eine ausgezeichnete Wahl für das erste Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit am Dienstag Abend.

Ein bisschen früher, schon um 18.30 Uhr beginnt die Einführung ins Werk, wegen Umbaumaßnahmen ausnahmsweise mal im Foyer in der ersten Etage. Obwohl Golo Berg seine Arbeit noch vor sich hat, lässt er es sich nicht nehmen, selbst über die beiden Komponisten zu erzählen, die heute gespielt werden. „Prokofjew“, sagt Berg „braucht keinen Anwalt“. Und so bleibt die längste Zeit Dmitri Schostakowitsch vorbehalten, der in die Mühlen der Sowjetbürokratie geraten sei und dann, zwei Jahre nach der ersten Aufführung, nachdem Stalin die 6. Sinfonie erlebt habe, ständige Angst vor Deportation gehabt habe. Zu wenig entsprach die Musik den Vorstellungen der Staatsführung. Er habe, so ein Gerücht, am Aufzug geschlafen, damit seine Familie nicht geweckt werde, wenn man ihn hole. Kurz vor dem Ende der Einführungsworte geht es dann doch noch mal um Prokofjew, der dem Vernehmen nach ein recht unsympathischer, arroganter Zeitgenosse gewesen sein soll.  Seine Musik – da muss man einfach trennen – ist besonders. Und so beginnt das Orchester mit der „Symphonie classique“, die durchaus ansprechend ist: die Streicher „fragen“ und ein einzelner Bläser, sei es ein Fagott „antwortet“, es wird im zweiten Satz mehr gezupft. Das ist alles recht harmonisch, aber auch ein bisschen langweilig. Als dann aber der Flügel hereingeschoben wird und Anna Vinnitskaya wenig später ihre rötlichen Haare nach hinten wirft, sich immer wieder den Schweiß von der Stirn tupft, weil diese Geschwindigkeit, mit der sie spielt, natürlich auch anstrengend ist (vor allem im hellen Bühnenlicht), da weiß man, was gefehlt hat. Man erzählt sich, dass sogar Prokofjew selbst, als er später seine eigene Sinfonie spielen wollte (und er war Pianist) Probleme damit hatte. Insofern wäre er wohl stolz gewesen auf Anna Vinnitskaya. Das Feuer im Orchester jedenfalls erlosch auch nicht im zweiten Teil, als endlich der von Stalin ungeliebte Schostakowitsch gespielt wurde. Aber die Musik gibt auch mehr her. Da ist einfach alles drin, Verzweiflung, Wut, Trauer. Bedrohung durch die Bässe und dann setzen Posaunen ein, plötzlich ein Flehen von den Streichinstrumenten. Schon stellt man sich Geheimpolizei vor, die ein Haus stürmt, die Kalaschnikows im Anschlag. Doch es ist nur Musik, ein historisches Vermächtnis.

 

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